Wandern in Vietnam:
Zum Rhododendron-Wasserfall durch den
Bach-Ma Nationalpark

Mit geschlossenen Augen drücke ich mich tiefer auf den Sitz des klapprigen Mopeds. Ich sitze hinten und wir rasen durch den wilden Verkehr der vietnamesischen Straßen. Um mich herum hupt es – nicht einmal, nicht zweimal – es ist ein nicht enden wollendes Dauerhupkonzert. Jeder signalisiert hier: Platz da, jetzt komme ich.

Wir befinden uns auf dem Weg von Hue, der ehemaligen Kaiserstadt in Zentralvietnam, in Richtung Bach-Ma Nationalpark. Als bekennender Waldliebhaber durfte auf unser Südostasien-Tour ein Besuch im letzten geschlossenen Waldgebiet Zentralvietnams nicht fehlen. Und ich wurde nicht enttäuscht. Dieser Wald ist besonders, diese Natur ist wunderschön.

Gleichzeitig trügt der Schein. Durch den Einsatz von Agent Orange und Napalm während des Vietnam-Kriegs, der in Vietnam Amerikanischer Krieg genannt wird, wurde die Natur des Landes nachhaltig geschädigt und zerstört (ganz zu schweigen von den Schäden an der Bevölkerung). An vielen Stellen kann durch den Einsatz der Herbizide noch immer nichts wachsen. Hinzu kommt der Verlust von Hektarweise Wald durch Brandrodung und durch die illegale Gewinnung von Teakholz.

Umso wertvoller ist jedes bisschen unversehrte Natur. Wir hatten das Privileg, diese auf einer ganz besonderen Wanderung genauer zu erkunden. Ziel war der Rhododendron-Wasserfall tief im tropischen Regenwald des Bach-Ma Nationalparks.

*** Diese Reise fand bereits im September 2018 statt.***

Immer weiter zum Rhododendron-Wasserfall

Eine Fahrt ins Unbekannte

Etwas unbedarft parken wir das Moped am Eingang des Nationalparks und sehen uns im Besucherzentrum um. Heute sind nur wenige Menschen hier, die meisten sehen nicht aus wie Touristen. Im angestaubten Besucherzentrum erfahren wir einiges über den Park und seine Geschichte und erhalten eine Wanderkarte, die nicht so ganz den uns bekannten Karten entspricht. Immerhin sind Start und Ende unserer geplanten Tour eingezeichnet. Viel schief gehen kann also nicht.

Da wir mit dem Moped nicht in den Park fahren dürfen, fährt uns ein netter Vietnamese mit einem Truck zu unserem Startpunkt. Bereits auf dem Weg bestaunen wir das nicht enden wollende Grün rechts und links der sich in Serpentinen schlängelnden Straße. Es ist Regenzeit. Die Luft ist extrem feucht und wo man hinschaut, geht regenwaldgrün in wolkengrau über. Wenig später parken wir, unser Fahrer zeigt uns den Startpunkt der Tour, sagt, er hole uns am Ende ab, wendet und fährt davon. Mutig gehen wir dem verlassenen, baufälligen Gebäude entgegen, neben dem es tief hinein in den Regenwald geht.

Gipfel Bach Ma Nationalpark Vietnam
straße regenwald vietnam
kolonialvilla bach ma nationalpark

Auf nassen Sohlen durch den Regenwald

Es regnet. Wir sind allein, mitten im Regenwald Vietnams. Mit diesem ganz besonderen Aufregungsbauchkribbeln, das man oft vor einem Abenteuer hat, laufen wir rein in den Wald. Bald verschluckt uns das Blätterdickicht und das alte Gebäude, dieser kleine Anker Zivilisation, ist nicht mehr sichtbar. Unsere Füße tragen uns über den weichen Boden und wir kommen aus dem Staunen nicht mehr raus. Es ist ungewohnt laut. Vögel, die wir noch nie gesehen haben, singen Konzerte, die wir noch nie gehört haben. Lange und kurze Beine krabbeln ungestört um uns herum.

Immer wieder kommen wir an kleine Flüsse, die es zu überqueren gilt. Mal nutzen wir dafür kleine Brücken, mal hangeln wir uns in Faultiermanier an Seilen entlang. Zwischendurch bestaunen wir kleine Wasserfälle, die tosend und weiß vor Gischt über die Felsen fallen. Es ist ein surreales Gefühl, an einem so gänzlich andersartigen Ort zu sein – noch dazu allein. Bald sind wir nass bis auf die Knochen und auch die immens hohe Luftfeuchtigkeit setzt uns zu.

Dieser Ort wirkt wie aus einem Abenteuerfilm, nur sind dieses Mal wir selbst die Protagonisten. Den Oscar als bester Nebendarsteller würden im Nachhinein sicherlich die Blutegel bekommen, die uns dank des feuchten Wetters begleiten. Schleimig und dunkelbraun sorgen die kleinen Landegel dafür, dass ich das erste Mal in meinem Leben in meinem Wohlfühlort, dem Wald, die Krise kriege. Blitzschnell erkennen die kleinen Biester meine besondere Vorliebe für sie und kriechen an den Schuhen hoch. Mit hoch gezogenen Socken über der Hose bin ich zumindest etwas beruhigter und wir setzen unsere Tour fort. Schließlich wollen wir noch immer den Rhododendron-Wasserfall sehen.

Über 689 Stufen zum Fuß des Wasserfalls

Der Rhododendron-Wasserfall ist selbst bei regenfeuchtem Wetter und nebelverhangener Fernsicht ein besonderes Naturschauspiel. Langsam öffnet sich der grüne Dschungel und geht in eine Felsenlandschaft über. Ein kleiner Strom windet sich durch die Felsen bis er plötzlich ins Nichts hinab fällt. Das Gefühl hier zu stehen, ist nicht in Worte zu fassen. Vor uns liegt eine dunkelgrüne Unendlichkeit, eine gewaltige Wassermasse stürzt 300m in die Tiefe, mein Herz schlägt mir bis zum Hals, ob vor Aufregung, Erschöpfung oder Höhenangst kann ich nicht sagen.

Rhododendron-Wasserfall von oben
Blick Rhododendron Wasserfall

Bach Ma Nationalpark Rhododendron Pfad

Nachdem der Weg bis hierhin nicht allzu schwierig war, erwartet uns hier eine sportliche Herausforderung. Auf 689 Stufen führt uns der Weg an den Fuß des Wasserfalls. Ab hier gilt: Konzentration und auf die Füße geschaut. Die Stufen sind steil und durch den vielen Regen rutschig. Durch die hohe Luftfeuchtigkeit ist es zusätzlich anstrengend. Ob wir durch den Regen oder unseren Schweiß nass sind, können wir schon lange nicht mehr sagen.

Schließlich erreichen wir das Ende des steinigen Weges und werden mit dem sagenhaften Gefühl belohnt, unter einem riesigen Wasserfall zu stehen. Ganz klein und unbedeutend fühle ich mich bei diesem Ausblick und genieße den Moment des Staunens. Im Frühjahr kann man hier außerdem über die namensgebende Rhododendron-Blüte staunen, die hier dann in Hülle und Fülle blüht.

Nicht zu unterschätzen ist, dass man nach all dem Staunen und Bewundern wieder den gleichen Weg hinauf muss. Insgesamt kommt man also auf gut 1400 Stufen! Trotz Fitness ist das bei Regen, warmen Temperaturen und einer Luftfeuchtigkeit von rund 90% kein Zuckerschlecken. Schwitzend und schnaufend lassen wir uns oben auf den Boden fallen und gönnen uns erleichtert eine Pause.

Müde und glücklich erreichen wir schließlich wieder die Straße, an der unser Fahrer bereits auf uns wartet. Fachmännisch kontrolliert er noch einmal, ob sich noch biestige Blutegel an uns befinden, bevor er uns ins Auto lässt und wir abschließend den 1450m hohen Gipfel des Bach-Ma Berges erkunden.

Buddha Statue Bach Ma Nationalpark

Wandern im Bach-Ma Nationalpark – Meine Tipps

Diese Tour war, obwohl es nur eine Tagestour war, eine unfassbar tolle Erfahrung! Ich war zu Beginn ein bisschen enttäuscht wegen des schlechten Wetters, aber dadurch wurde die Wanderung erst zu einem richtigen Abenteuer. Ich will die Erinnerung, durch den Regenwald gelaufen zu sein, auf keinen Fall missen. Im Nachhinein bin ich allerdings ein wenig leichtsinnig an diese Tour heran gegangen. Heute würde ich ein paar Dinge anders machen. Deshalb kommen hier meine Tipps für den Bach-Ma Nationalpark:

Ziehe dem Wetter angepasste Kleidung an. Je nach Wanderpfad brauchst du freie Hände, deshalb rate ich dir eher zu einer dünnen Regenjacke und einer langen, wasserabweisenden Hose als zu einem Regenschirm.
Gerade bei Regen kommen die Blutegel aus ihren Verstecken. Ziehe dicke Socken über die Hose und trage geschlossene, feste Schuhe. Letztere erleichtern das Wandern hier ungemein.
Nimm ausreichend Wasser mit und mache genügend Trinkpausen.
Es gibt verschiedene Wanderwege mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad. Kenne dich und deine Kondition. Wähle dementsprechend deine Tour aus. Und: Bei hohen Temperaturen und der Luftfeuchtigkeit reagiert dein Körper anders auf Anstrengung.
Die Wege sind gut zu erkennen und es besteht nicht wirklich die Gefahr, sich zu verlaufen. Gehe, wenn du dich unsicher fühlst, trotzdem nicht alleine los.
Wenn du länger als einen Tag im Park bleiben möchtest, kannst du auch dort in Unterkünften übernachten. Am besten erkundigt man sich direkt vor Ort im Besucherzentrum. Im Park darf man nicht mit Mopeds/Motorrädern fahren, am einfachsten ist es, vor Ort einen Fahrer zu buchen und mit ihm zu klären, wann man wo abgeholt werden möchte.

Hintergrundinfos zum Bach-Ma Nationalpark

Der Bach-Ma Nationalpark ist ein Zentrum der Biodiversität und beherbergt über 2147 verschiedene Pflanzenarten. Das entspricht einem Fünftel der Flora Vietnams auf einer Fläche, die etwa so groß ist wie der Nationalpark Bayerischer Wald!

Namensgebend ist der mit 1450m höchste Punkt des Parks, der Bach Ma Gipfel, zu deutsch weißes Pferd. Gerade in der Regenzeit macht der Bach-Ma Nationalpark seinem Namen alle Ehre und der Gipfel ist nebelverhangen und voller weißer Wolken. Bei rund 8000mm Regen pro Jahr ist das kein Wunder!

Bereits bevor die Franzosen Bach Ma als Sommerkurort nutzten, gab es Bestrebungen, das Gebiet zum Nationalpark zu erklären, um den vom Aussterben bedrohten Edwardsfasan zu schützen. Allerdings wurde der Park erst 1991 zum Nationalpark. Der Edwardsfasan ist heute das Symboltier des Parks gehört zu den 1493 Tierarten, die man im Park identifizieren konnte. Außerdem findet man hier Affen, Tiger, Leoparden und das Saola, eine besondere und noch nicht lange bekannte Rinderart.

Vor allem durch die verschiedenen Höhen und die Lage in Zentralvietnam findet man im Bach-Ma Nationalpark nicht nur tropischen, sondern auch sub-tropischen Regenwald und Tiere und Pflanzen aus Nord- und Südvietnam. Hier finden ganz unterschiedliche Arten perfekte Bedingungen und besetzen ihre eigene ökologische Nische. Gerade diese Übergangszonen sind oft Hotspots der Biodiversität, wie der Bach-Ma Nationalpark eindrucksvoll beweist.


Hast du vielleicht einen der anderen Wanderwege im Bach-Ma Nationalpark erkundet? Erzähl mir davon in den Kommentaren.

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