Echse ohne Beine

Eigentlich wollte ich heute früher aufstehen, um im nahe gelegenen Naturschutzgebiet ein paar Blicke auf das dort lebende Reh- und Damwild zu erhaschen. Eigentlich. Nachdem mein Körper mir mitteilt, nach der langen Mountainbike-Tour am Tag zuvor, wünsche er sich heute so wenig Bewegung wie möglich, bleibe ich noch ein bisschen länger liegen.

So hat die Sonne Zeit, noch ein wenig höher zu wandern und auch die Temperaturen klettern noch ein paar Grad nach oben. Nach dem Frühstück entscheide ich mich trotz der gestrigen Strapazen für einen kleinen Spaziergang durch meinen „Hauswald“. Wie so oft belohnt mich der Wald und ich mache die Bekanntschaft einer kleinen Echse ohne Beine.


Auf meiner linken Seite sucht sich ein kleiner Bach mäandernd seinen Weg, rechts sorgen Buchen für Schatten. Nur vereinzelt scheint das Sonnenlicht durch die Kronen und wärmt den Boden auf. Ich mag diesen auf den ersten Blick unscheinbaren Weg im Wald sehr. Nur fünf Minuten brauche ich von meiner Haustür bis hierher und obwohl ich diesen Weg schon tausendmal entlang gelaufen bin, entdecke ich immer wieder Neues.

In der Krautschicht neben mir raschelt es. Es klingt nicht nach einer Maus, ein wenig zu träge und irgendwie auch zu laut hört es sich an. Einen Vogel kann ich nicht entdecken, der wäre sicherlich davon geflogen, als ich genauer hinschaue. Ich entscheide mich dafür, kurz zu warten und staune nicht schlecht, als plötzlich eine Schlange zwischen Giersch, Bärlauch und Buschwindröschen hervor kommt.

Ist die Blindschleiche tatsächlich eine Schlange?

Schon ewig habe ich keine Blindschleiche mehr gesehen. Begeistert beobachte ich die kleine Schlange, die sich unbeirrt über den Waldboden schlängelt. Die Schlange? Tja, was auf den ersten Blick richtig wirkt, ist in diesem Fall falsch.

Zwar sieht eine Blindschleiche zunächst tatsächlich wie eine Schlange aus, sie gehört aber zu den Echsen! Genau genommen handelt es sich bei dem grau-braunen, glänzenden Reptil um eine beinlose, zu den Schleichen gehörende Echse. Auch große Wissenschaftler können sich hier schnell vertun. Carl von Linné, DER Begründer der botanischen und zoologischen Nomenklatur, gab der Blindschleiche den lateinischen Namen Anguis fragilis, zu deutsch: zerbrechliche Schlange.

Blindschleichen sollte man nicht anfassen

Ganz so falsch ist die Bezeichnung allerdings auch nicht. Die Blindschleiche ist wie alle Eidechsen in der Lage, ihren Schwanz abzuwerfen. Was brutal klingt, ist ein ausgeklügelter Verteidigungsmechanismus: Bei Gefahr durch Fressfeinde „zerbricht“ die Blindschleiche in zwei Teile. Während der vordere Teil die Flucht ergreifen kann, bleibt der hintere Teil meist noch zappelnd zurück und lenkt den Feind ab. Das nennt man übrigens Autotomie. Der Schwanz wächst leider nicht wie bei den Echten Eidechsen vollständig nach, sondern endet nach erfolgreicher Flucht in einem Stumpf. Auch wenn es offensichtlich scheint, möchte ich kurz daran erinnern: Damit das nicht passiert, sollte man Blindschleichen nicht anfassen!

Wenn die Blindschleiche nicht gefressen wird, steht ihr meist noch ein erstaunlich langes Leben bevor. Sie gilt als eine der langlebigsten Echsen der Welt und wird in der Wildnis bis zu 30 Jahre alt. Angeblich gab es im Zoo von Kopenhagen sogar ein Exemplar, das 54 Jahre alt wurde!

Die Blindschleiche und der Mensch

Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal zu den Schlangen sind die beweglichen Augenlider der Blindschleiche. Schlangen haben keine wirklichen Augenlider, vielmehr sind die Augen von je einer durchsichtigen Schuppe bedeckt. Im Gegensatz zu den Schlangen kann die Blindschleiche also zwinkern. Gerade dieses Merkmal macht mir die bis zu 50 cm große Schleiche im Vergleich zur Schlange sehr sympathisch. Angst vor ihr braucht man auch nicht haben, denn Blindschleichen sind ungiftig und für den Menschen harmlos.

Im Gegenteil, der Mensch ist neben Fuchs, Dachs, Wildschwein und einigen Vögeln leider einer der größten Feinde der Blindschleichen. Zum Einen wird ihr Lebensraum durch übermäßige Land- und Forstwirtschaft, Siedlungs- und Straßenbau zerstört, zum Anderen fallen etliche Blindschleichen den heimischen Hauskatzen, Hunden und oft auch Autos zum Opfer. Manchmal werden die völlig harmlosen Blindschleichen auch aus Unwissenheit und Angst erschlagen oder anderweitig getötet. Das ist nicht nur unnötig, sondern auch gegen das Naturschutzgesetz, nach dem die Blindschleiche als „besonders geschützt“ gilt. Dabei können die kleinen Echsen sogar sehr nützlich für den heimischen Garten sein. Sie verspeisen mit Vorliebe Nacktschnecken, Raupen und Würmer. Solange es ein wenig „unordentlich“ ist und genug Verstecke vorhanden sind, sind Blindschleichen mit vielen Biotopen zufrieden. Sie leben nicht nur im lichten Wald und an Waldrändern, sondern auch auf Brach- und Moorflächen, Streuobstwiesen, Böschungen und Parks. Es lohnt sich also, beim nächsten (Wald-)Spaziergang die Augen offen zu halten.

Ist die Blindschleiche blind?

Apropos Augen: Auch der deutsche Name Blindschleiche täuscht. Die Blindschleiche hat zwar keine Adleraugen, ist aber auch nicht blind. Na gut, farbenblind ist sie schon. Nichtsdestotrotz ist das „Blind“ in Blindschleiche wahrscheinlich auf das althochdeutsche Wort „Plint“ zurückzuführen, was glänzend bedeutet und sich wohl auf den Körper der Schleiche bezieht. Einer anderen Theorie zufolge sind die eher kleinen Augen für die Bezeichnung „blind“ verantwortlich.

Nach ein paar Minuten stiller Beobachtung meinerseits zieht die kleine Blindschleiche weiter ins Unterholz. Von Ende April bis Juni geht ihre Paarungszeit. Wer weiß, vielleicht hat diese Blindschleiche heute noch Großes vor.

Blindschleiche ganzer Koerper
Blindschleiche Kopf
Echse ohne Beine

Wann hast du das letzte Mal eine Blindschleiche gesehen? Erzähl mir davon in den Kommentaren.

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