Waldland Deutschland?

Wald und Deutschland, das passt irgendwie zusammen. Spontan würden sicherlich einige Menschen dieser Aussage zustimmen. Auch ich verbinde Deutschland mit dem Wald. Warum, das kann ich gar nicht so genau sagen. Vielleicht weil ich den Wald häufig in Sichtweite habe. Wenn ich zuhause aus dem Fenster schaue, schweift mein Blick über ein paar Kleingärten, danach kommt er schon, der Wald. Ein paar Fichten strecken dort ihre dunkelgrünen Zweige in die Höhe, die Laubbäume sind aber in der Überzahl.

In meiner Erinnerung war der Wald von meinem Zuhause nie weiter als einen Katzensprung entfernt. Oft waren es nur ein paar Minuten zu Fuß bis ich vom dichten Grün umgeben war. Wirklich infrage gestellt habe ich das nie. Wald gehört für mich zu einer Umgebung, in der ich mich wohlfühlen soll, absolut dazu.

Aber wieviel Wald gibt es nun wirklich in Deutschland? Ist Deutschland ein Waldland? Theoretisch lässt sich diese Frage aus ganz unterschiedlichen Perspektiven betrachten. Anstatt einen weiten, kulturhistorischen Bogen von den Germanen und ihren Waldgöttern über epische Schlachten im Teutoburger Wald zu schaurig-schönen Märchen zu schlagen, geht es heute in eine etwas andere Richtung. Ich erzähle dir, in welchem Bundesland du als Waldliebhaber glücklich wirst und berichte von Menschen, die Bäume zählen und den Wald vermessen.


Auf der Suche nach einer Definition

Was ist eigentlich Wald? Bevor wir über den deutschen Wald reden, müssen wir schließlich wissen, was genau Wald eigentlich ist.

Was denkst du?

Die Frage klingt simpel, aber was ist für dich ein Wald? Was macht Wald für dich aus?

Stirnrunzelnd stelle ich mir diese Frage und überlege gleichzeitig, ob ich noch alle Nadeln an der Tanne habe (jap, dieser Wortwitz musste sein). Das ist doch sonnenklar: Wald, das ist wenn Bäume zusammen stehen. Oder? Wie so oft lautet hier die Antwort: Jain. Wie schon angemerkt, kommt es stark darauf an, wem man diese Frage stellt. Ein Forstwissenschaftler wird sie anders beantworten als ein Jurist. Ein Kulturwissenschaftler wird eine andere Definition benutzen als ein Biologe. Aus diesem Grund sind verschiedene Definitionen für den Wald im Umlauf, jede mit ihrem eigenen Fokus.

Wald im Sinne dieses Gesetzes ist jede mit Forstpflanzen bestockte Grundfläche. Als Wald gelten auch kahlgeschlagene oder verlichtete Grundflächen, Waldwege, Waldeinteilungs- und Sicherungsstreifen, Waldblößen und Lichtungen, Waldwiesen, Wildäsungsplätze, Holzlagerplätze sowie weitere mit dem Wald verbundene und ihm dienende Flächen.
§2 Bundeswaldgesetz

Das Bundeswaldgesetz definiert den Wald also aus der juristischen Perspektive. Hier werden auch baumlose Flächen, solange sie mit dem Wald verbunden sind, in die Definition eingeschlossen. Wald scheint also mehr als nur eine Ansammlung von Bäumen zu sein. Es stimmt schon, schließlich gehören auch baumfreie Flächen, die in Verbindung zum Wald stehen, irgendwie dazu. Forstpflanzen? Über diesen Begriff stolpere ich ein bisschen. Forst und Wald. Das wird oft synonym verwendet. Aber ist ein Forst nicht etwas, in dem Bäume gleichen Alters in Reihe und Glied stehen, um irgendwann geerntet zu werden? Greift der Mensch hier nicht viel mehr ein als in den Wald?

Forst
wilder-wald

So langsam beginne ich, meine eigene Definition zu hinterfragen. Neben den offensichtlichen Bäumen gibt es im Wald schließlich noch viel mehr. Was ist mit all den Arten, Pflanzen wie Tiere, die den Wald als Lebensraum brauchen? Aus der biologischen bzw. ökologischen Brille würde man Wald deshalb vielleicht eher so erklären:

Wald ist ein Ökosystem, in dem die in ihm vorkommenden Arten an die waldtypischen Bedingungen (Waldklima, Waldboden, Lichtverhältnisse etc.) angepasst sind.
eine mögliche ökologische Definition des Waldes

Es gibt also ganz unterschiedliche Herangehensweisen bei der Frage: Was ist Wald? Das mag verwirrend und vielleicht auch unnötig erscheinen. Auf der anderen Seite steckt auch viel Positives darin. Eigentlich ist es doch toll, dass sich so viele unterschiedliche Gruppen mit dem Wald beschäftigen. Macht das die enorme Vielfalt des Waldes nicht noch einmal mehr deutlich?

Wald in Deutschland

Nach ein paar theoretischen Überlegungen, geht es jetzt ans Eingemachte! Wo musst du hinziehen, wenn du in Deutschlands bewaldetesten Bundesland wohnen magst? Ich dachte ja immer, auf der Suche nach Wald muss man eigentlich nur in Thüringen vorbei schauen. Thüringen – 80% Wald und der Rest sind Bäume, heißt es nicht so? Tatsächlich hat Thüringen zwar mit dem wunderschönen Thüringer Wald einiges zu bieten, aber das waldreichste Bundesland ist es nicht.

Was denkst du?

In welchem Bundesland gibt es wohl am meisten Wald?

Den Spitzenplatz teilen sich tatsächlich Hessen und Rheinland-Pfalz. Wer hätte das gedacht? Beide Bundesländer sind zu 42,3% gemessen an der Landesfläche bewaldet. In Hessen tragen vor allem die Waldgebiete von Odenwald, Spessart und Taunus zum hohen Waldanteil bei. In Rheinland-Pfalz sorgen Pfälzer Wald und Eifel, Hunsrück und Taunus für das Waldreichtum.
Die Silbermedaille geht an das Saarland. Das kleine Bundesland kann unter anderem mit Warndt, Schwarzwälder Hochwald und Saar-Kohlewald überzeugen. Mit 39,9% relativer Waldfläche sind immerhin mehr als zwei Drittel des Saarlandes bewaldet. Auf Platz drei liegt Baden-Württemberg. Hier dominiert der berühmte Schwarzwald, aber auch die Schwäbische Alb hat viel Wald zu bieten. Immerhin 38,4% der Landesfläche sind mit Wald bedeckt.

Wald-in-Deutschland
Wald in Deutschland gemessen an der Landesfläche

Ehrlich gesagt überraschte mich die Verteilung. Insbesondere das Saarland ist mir noch nicht wegen seines Waldreichtums aufgefallen. Was ist mit dem Bayerischen Wald, dem Hainich oder dem Sauerland? Die großen Waldgebiete sind einem häufig noch ein Begriff, aber hier zählt nicht die absolute, sondern die relative Waldfläche. Dadurch können auch unbekanntere Wälder ihre Bäume in die Waagschale werfen.

Insgesamt sind also rund 32% der Bundesfläche in Deutschland bewaldet. Das sind 11,4 Mio. Hektar Wald. Macht das Deutschland zum Waldland? So klar lässt sich diese Frage wahrscheinlich gar nicht beurteilen. Gerade nach den verschiedenen Definitionen kommt es wieder sehr darauf an, welchen Aspekt des Waldes man sich anschaut. Auch ein Blick zurück in die Vergangenheit hilft wenig beim Vergleichen, weil immer wieder anders definiert wurde, was als Wald galt.

Die Vermessung des Waldes

Daten, die uns Informationen über den Wald geben, sind enorm wichtig. Die Daten zur Waldfläche wurden im Rahmen der Dritten Bundeswaldinventur erhoben. Alle zehn Jahre, das letzte Mal 2012, wird dabei der Wald vermessen. Der ganze Wald? Na ja, wir haben schätzungsweise 90 Milliarden Bäume in Deutschland. Jeden Baum einzeln zu vermessen wäre also ein ziemlich aufwendiges Unterfangen. Deshalb misst man an Stichprobenpunkten. Nach einem ausgeklügelten System wird Deutschland dazu in Quadrate aufgeteilt. An den Knotenpunkten werden dann von den Inventurtrupps Stichproben genommen, etwa 60.000 Stück. Diese Stichprobenpunkte werden dann bei jeder Bundeswaldinventur wieder benutzt, um sicherzugehen, dass man nicht Äpfel und Birnen vergleicht. Dabei werden dann zahlreiche Merkmale der umliegenden Bäume erfasst, etwa Baumhöhe, Alter, Umfang, aber auch einiges mehr, die Menge an Totholz zum Beispiel. Aus den Daten können sich Wissenschaftler dann ein Bild über den Wald machen.

Grundlage für diese Messung ist wieder die Definition nach dem Bundeswaldgesetz. Wald haben wir in Deutschland definitiv. Welchen Aspekt wir damit meinen bleibt aber – wie so oft – eine Frage der Perspektive.

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