Honigbienen sind Waldtiere

Ein Besuch im Wald ist immer etwas Schönes. Manchmal passieren dabei auch Dinge, mit denen man nie gerechnet hätte. Bei einer kleinen Runde durch den Wald entdeckte ich neulich etwas ganz Besonderes: Hoch oben in einer alten Eiche lebt ein wildes Honigbienenvolk. Ich bin schon so viele Male an dieser Eiche vorbei gelaufen, mal joggend mit Kopfhörern in den Ohren, mal ganz ohne Musik. Manchmal ist letzteres die bessere Wahl: Dieses Mal hörte ich unter besagter Eiche ein leises Brummen. Wer vielleicht mal einem Imker über die Schulter geschaut hat, kennt dieses melodische Bienenbrummen. Ich ließ meinen Blick den dicken, Stamm entlang wandern, der schon unzähligen Stürmen stand gehalten hat. Nach ein bisschen Suchen wurde ich fündig. Über mir, in etwa 5 Metern Höhe, flogen die kleinen Pelzträgerinnen eifrig ein und aus.


Honigbienen sind Wald- und Wildtiere

Dass Honigbienen ein ganz spezielles goldenes Gut produzieren, haben die Menschen schon sehr früh erkannt. In Spanien fand man 12.000 Jahre alte Felsmalereien, die einen Menschen bei der Jagd nach Honig zeigen. Angetrieben von der Süße des Honigs und den Vorteilen des Bienenwachses erkannte man, wie die kleinen Honiglieferanten zu domestizieren waren. Tatsächlich ist die Haltung von Honigbienen ein uraltes Handwerk. Nachweise organisierter Bienenhaltung stammen aus Ägypten und Mesopotamien und sind über 4000 Jahre alt. Honig konnte so viel leichter und ohne größere Strapazen geerntet werden. Menschen wurden zu Imkern.

Auch ich liebe Honig. Ein Löffel am Morgen im Kaffee gehört für mich mittlerweile einfach dazu. Aus persönlicher Erfahrung weiß ich auch, wie viel Arbeit in einem einzigen Glas Honig steckt (sowohl seitens der Bienen als auch seitens des Imkers). Jede Biene ist durch ihre ganz bestimmte Aufgabe in der Kolonie daran beteiligt. Der Imker ist dabei dafür zuständig, dass es den fleißigen Bienchen an nichts mangelt und sie gesund bleiben.

Zugegeben, bei Honigbienen denke ich auch eher ans Imkern als an wild lebende Völker. Das ist aber eigentlich ein Trugschluss. Allzu oft vergessen wir bei beim Gedanken an die ewig lange gemeinsame Geschichte von Bienen und Imkern, dass Honigbienen ursprünglich Wildtiere sind und den Menschen gar nicht brauchen.

Beute-Imker
Hier leben die Bienen beim Imker – in einer Beute
Biene auf Bluete
Eine Biene sammelt Nektar und Pollen

Was hat das mit dem Wald zu tun? Honigbienen sind nicht nur Wildtiere, sondern auch Waldtiere. In der freien Wildbahn leben die staatenbildenden Insekten in Baumhöhlen, die vorher meist ein Specht geschaffen hat. Weil sie Platz brauchen, um genug Honig als Wintervorrat einzulagern, muss diese Baumhöhle eine bestimmte Größe haben. Ein kleines Astloch ist definitiv nicht genug für die ganze Kolonie. Ideal sind Höhlen mit einem Mindestvolumen von 20 Litern. Das muss ein Baum erstmal hergeben. Haben die Bienen eine geeignete Behausung gefunden, richten sie bald ihr neues Heim ein. Akkurat wie kleine Architekten bauen sie Wabe um Wabe, sammeln Nektar und Pollen, vermehren sich und schwärmen oder legen Brutpausen ein. Sie regulieren sich komplett selbst – jede Biene weiß, was sie wann zu tun hat. Einfach faszinierend! Das ist etwas, dass mein Biologenherz höher schlagen lässt!

Wir wissen erstaunlich wenig über diese Waldbewohner

Über die Honigbienen wissen wir immens viel. Wir kennen den biologischen Bauplan, haben ihr Genom sequenziert, das Gehirn untersucht, wissen um Schädlinge und Krankheiten, ganze Generationen an Forschern haben sich mit dem Verhalten der kleinen Hautflügler beschäftigt. Auch wie man Honigbienen optimal hält, was im Honig drinnen ist und was gegen Bienenstiche hilft, ist nur einen Mausklick entfernt. Erstaunlich wenig wissen wir aber über wild- bzw. waldlebende Honigbienen. Wie lange leben sie? Welche Funktion erfüllen sie im Ökosystem Wald? Wie sieht es im Inneren des Bienenbaums aus? In der langen Geschichte der organisierten Bienenhaltung wurden die wilden Honigbienen schlicht vergessen!

Das hat auch damit zu tun, dass wilde Honigbienen leider sehr selten geworden sind. Lange Zeit galten sie sogar komplett als ausgestorben. Als Hauptgrund gilt der noch immer schwierige Immobilienmarkt des Waldes. Aus Bienensicht ist dieser ziemlich leer gefegt. Alte, dicke Bäume mit entsprechenden Baumhöhlen, ob durch einen Specht oder durch altersbedingten Zerfall, sind in unseren Wäldern ein rares Gut. Zu oft werden solche Bäume trotz ihres hohen Stellenwerts für die Biodiversität gefällt. Viele junge Bäume erreichen ein derart stolzes Alter und damit eine gewisse Dicke erst gar nicht.

Ein weiterer Grund ist ein kleiner Parasit. Es hält sich die Aussage, wilde Honigbienenvölker könnten wegen der Varroa-Milbe nicht ohne die Hilfe der Imker überleben. Varroa destructor ist eine kleine gemeine Milbe, die sich in der Brut der Bienen vermehrt. Sie knabbert die Biene an und saugt Fett und Körperflüssigkeit. Die kleinen Vampire machen den Bienen ganz schön zu schaffen und schwächen ein ganzes Volk nachhaltig. Wie gehen wilde Honigbienen damit um, wenn der Imker sie nicht schützen kann? Gerade weil wir so wenig über Waldbienen wissen, ist diese Frage schwer zu beantworten. Wie soll man Vergleiche anstellen, wenn es so wenige wilde Honigbienen gibt? Man kann also nur mutmaßen. Es ist zum Beispiel bekannt, dass die Anzahl an Milben mit einigen ökologischen Faktoren zusammenhängt. Dazu zählen unter anderem die Dichte der Honigbienenkolonien, das Schwarmverhalten, die Größe der einzelnen Kolonie. Ein weiterer Mechanismus, der die Honigbienen schützen könnte, wäre eine Resistenz gegenüber der Milbe, die sich in wilden Bienen entwickeln könnte. Dafür braucht es aber Zeit. Dass wilde Honigbienen per se nicht im Wald überleben können, ist aber nicht in Stein gemeißelt.

Auf der Spur der wilden Honigbienen

Wie viele wilde Honigbienenvölker es nun aber wirklich in Deutschland oder Europa gibt, ist ungewiss. Die Forschung auf diesem Gebiet ist einfach schwierig. Überhaupt erst einmal ein wildlebendes Bienenvolk zu finden, ist schon ein echter Glückstreffer. Man müsste gezielt nach passenden Baumhöhlen Ausschau halten und dann beobachten, ob Bienen ein und aus fliegen. Genau diese Idee hatte ein Forscherteam. Gesagt getan, ab in den Wald und Ausschau nach Baumhöhlen halten. Rechnet man mit diesen Daten ein bisschen herum, kommt man zu folgendem Ergebnis: Die europäischen Wälder (ab 10.000 ha Fläche) liefern Platz für etwas mehr als 80.000 wilde Honigbienenvölker! Das macht gut 2% der gesamten europäischen Honigbienenvölker aus. Für Deutschland rechnen die Forscher mit 10.000 Honigbienenvölkern im Wald, also mit 0,6 Kolonien pro Hektar Wald (Requier et al. Conservation Letters, 2020). In den Wäldern könnte es also ganz unbemerkt von uns summen und brummen. In allen Wäldern? Sobald es geeignete Baumhöhlen gibt, ja. Die meisten Baumhöhlen findet man übrigens – wenig überraschend – in naturnahen Wäldern, vor allem in Laubwäldern.

In einer weiteren aktuellen Studie nehmen zwei Forscher die Buchenwälder im Hainich in Thüringen und auf der Schwäbischen Alb unter die Lupe. Hier gingen sie mit einer etwas anderen, aber sehr raffinierten Methode auf die (gewaltfreie) Jagd nach den wilden Honigproduzenten. Sie fütterten Bienen am Waldrand mit Zuckerwasser und folgten ihnen dann geduldig zu ihrer Baumhöhle. Das ganze hat ein bisschen was von den Zeidlern des Mittelalters. Diese Honigsammler haben genau das gemacht, um an die Honigvorräte wilder Bienenvölker zu gelangen. Quasi Hänsel und Gretel für Biologen.

Und die Ergebnisse? In beiden untersuchten Wäldern haben die Forscher wildlebende Honigbienenvölker gefunden! Und das nicht nur in Bäumen am Waldrand, sondern auch bis zu 4 Kilometer tief im Waldesinneren (Kohl und Rutschmann, PeerJ, 2018). Zu Bedenken ist hier, dass überwiegend alte Wälder untersucht worden sind. Die Zahlen lassen sich so also vielleicht nicht auf jeden Wald übertragen, aber die Chancen für wilde Honigbienen in den heimischen Wäldern stehen gut.

Es gibt sie also doch! Gerade wenn man bedenkt, dass wilde Honigbienen lange als ausgestorben galten, hört sich das doch ziemlich ermutigend an. Ich bin zumindest begeistert von meinem Fund und fühle mich sehr privilegiert, zufällig über diesen Waldbewohner gestolpert zu sein.

Mögliche Wohnorte

Bäume mit Baumhöhlen von mind. 20 Litern Volumen
Wälder, auf die das zutrifft: Naturnahe Laubwälder

Wilde Honigbienen in Europa

In europäischen Wäldern würden rund 81.248 wilde Honigbienenvölker ein Zuhause finden

Wilde Honigbienen in Deutschland

In deutschen Wäldern könnte es bis zu 10.000 wilde Honigbienenvölker geben

Mehr Bienenforscher in den Wald

Der Wald ist ein riesiges Forschungslabor. Er wirft unendlich viele Fragen auf, birgt aber auch das Potential, sie zu beantworten. Gerade bei den wilden Honigbienen sind noch so viele Aspekte unerforscht. Das ist schade, deshalb: Mehr Bienenforscher in den Wald!

Es wäre spannend zu wissen, wie die wilden Bienen im Wald leben. Verhalten sie sich ähnlich wie Bienen beim Imker? Wie weit fliegen sie, um Nektar und Pollen zu sammeln? Wie gehen sie mit Parasiten um? Ganz generell: Welche Rolle nehmen sie im Ökosystem Wald ein? Da wir nur so wenig über die Waldbienen wissen, kann man nur mutmaßen. Sicher ist aber: Im Wald hat jedes Lebewesen eine Bedeutung für das große Ganze.

Außerdem beeinflussen sich die zahlreichen Waldbewohner gegenseitig, es herrscht ein stetiger Trubel. Hier wird ein Insekt vom Vogel vertilgt, dort kämpfen zwei Arten um eine Nistmöglichkeit. Nicht anders ist es mit den wilden Honigbienen. Sie könnten zum Beispiel allein durch ihre bloße Existenz im Wald anderen Tieren als Nahrungsgrundlage dienen. Auch von ihrer Sammeltätigkeit könnten andere Arten profitieren, wenn beim Transport mal etwas eiweißreicher Pollen verloren geht. In der Baumhöhle selbst hätten zudem nicht nur die Bienen Platz, vielmehr könnte es eine WG sein, in der auch kleinere Insekten Untermieter sind. Auch die Bestäubungsleistung der kleinen Flieger sollte nicht außer Acht gelassen werden.

Es bleibt spannend… Ich werde das Waldvolk fleißig weiter beobachten und hoffe, dass es den Bienen in ihrer Eiche noch lange gut geht.

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wilde-Honigbienen-im-Baum
Baumhoehle-Wildbienen

Hast auch du schon einmal ein wildes Honigbienenvolk entdeckt? Erzähl mir davon in den Kommentaren.

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